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ANNIKA BÜHNEMANN

kreativ leben . frei bleiben . minimal werden .

„Ich kann nicht mehr.“ Über den Anspruch von Frauen an sich selbst.

„Ich kann nicht mehr.“ Über den Anspruch von Frauen an sich selbst.

„Bitte doch um Hilfe.“ Ich weiß gar nicht, wie oft ich diesen Rat schon selbst einer Freundin oder Bekannten gegeben habe (neben „Rede mit ihm/ihr“), und jetzt musste ich mir neulich das Gleiche von einer lieben Mutter aus meiner Online-Community sagen lassen. Wieso bin ich nicht selbst auf die Idee gekommen? Der Versuch einer Erklärung, warum wir Frauen alles selbst lösen wollen.

Frauen wollen Gleichberechtigung.

Es gab mal eine Zeit, in der wusste jeder relativ genau, was er zu leisten hatte und was nicht. Frauen verbrachten die Tage mit der Erziehung der Kinder, hielten das Haus in Ordnung, organisierten den Alltag der Familie, sodass der Mann tagsüber arbeiten konnte, um Geld zu verdienen. Wenn er nach Hause kam, konnte er sich darauf verlassen, dass alles sauber war und das Essen gekocht wurde. Die Frau wiederum konnte sich darauf verlassen, dass immer genug Geld vorhanden war, um das Leben zu führen, das sie führten.

Natürlich ist das überspitzt dargestellt, aber im Grunde waren die Rollen klar: Einer verdient Geld, einer organisiert das Leben drumherum.

Mit der Zeit änderte sich diese Verteilung. Heutzutage wird von den Männern erwartet, dass sie sich ebenfalls darum kümmern, dass das Haus sauber ist, oder sie kochen das Mittagessen für die Familie, wenn sie abends nach Hause kommen. Frauen gehen selbstverständlich arbeiten und man muss sich fast schon rechtfertigen, wenn man seine Kinder mit spätestens drei Jahren noch immer nicht für ein paar Stunden in einen Kindergarten bringt, damit man Geld verdienen kann.

Laut der „BRIGITTE“-Studie von 2017 wünschen sich fast genau so viele Frauen wie Männer finanzielle Unabhängigkeit, Zeit für sich, eine Partnerschaft und erst dann Kinder und Familie. Ein Job ist den Befragten wichtiger (79 %) als Kinder zu haben (wünschen sich 68 % der befragten Frauen). Somit gleichen sich die Bedürfnisse der Männer und Frauen, was die Lebensentwürfe angeht, immer weiter an: Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen (obwohl sie in der Realität oft sogar längere Arbeitszeiten haben als Nicht-Väter) und Frauen wollen neben den Kindern auch Karriere machen.

88 % der befragten Mütter sagen: Frauen stehen heute unter einem stärkeren Druck als früher, alle Ansprüche unter einen Hut zu bekommen. Auch 80 % der befragten Väter sind dieser Meinung.

Aber was wird von den Frauen heute verlangt?

Ansprüche der Gesellschaft – und der Frauen an sich selbst

Mache den Test! Nicke bei jeder Aussage, der du zustimmst und schüttele den Kopf, wenn dem nicht so ist (komische Blicke der Menschen in deiner Umgebung garantiert):

  • Unsere Wohnung soll aufgeräumt und sauber sein.
  • Ich möchte einen Job, der mir Spaß macht und der mir genug Geld einbringt, um mir Wünsche zu ermöglichen
  • Ich möchte auf der Arbeit nicht wegen Krankheit fehlen, damit ich andere nicht belaste
  • Ich möchte trotz Teilzeitberuf so viel wie möglich leisten (auch, um andere nicht im Stich zu lassen)
  • Ich möchte trotz Arbeit so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern und dem Partner verbringen
  • Ich möchte trotz Arbeit und Familie auch Zeit für mich haben
  • Ich möchte trotz Zeit für mich und trotz der Kinder auch genug Geld für Dinge und Erlebnisse haben
  • Ich möchte hübsch aussehen.
  • Ich möchte mich schön fühlen und von anderen als schön wahrgenommen werden.
  • Ich möchte eine erfüllte Partnerschaft mit zufriedenstellender Sexualität
  • Ich möchte gut erzogene Kinder, ohne dass ich zu streng sein muss
  • Ich möchte, dass meine Kinder mich als gute Mutter sehen
  • Ich möchte ein Vorbild für meine Kinder sein
  • Ich möchte von meinem Mann auch als Frau wahrgenommen werden und nicht nur als Mutter
  • Ich möchte mich weiterbilden in Themen, die mich interessieren
  • Ich möchte für andere da sein, wenn sie meine Hilfe brauchen

Du hast mehr als 10 Mal genickt? Herzlichen Glückwunsch, du bist eine Frau aus der heutigen Gesellschaft.

Persönlich glaube ich, der größte Druck ist, dass man glücklich sein soll.

Sei doch glücklich, dass du einen Job hast.

Sei doch glücklich, dass du Kinder haben darfst.

Sei doch glücklich, dass ihr ein Haus habt, in den Urlaub fahren könnt, dass du einen Partner hast, dass es bei euch so gut läuft.
Dass du gesund bist.

Sei doch bitte einfach glücklich. Anderen geht es so viel schlechter.

Wenn man als Frau in Zeiten akuter Überforderung mal ins Jammern gerät, stößt man selten auf offene Ohren. Im Gegenteil, oft bekommt man sogar das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, wenn mal nicht alles glatt läuft. Oder die Menschen um einen herum sagen einem durch die Blume, dass man selbst schuld sei.

Du jammerst, weil du so wenig Zeit für deine Familie und den Haushalt hast?

Du arbeitest ja auch viel zu viel.

Du jammerst, weil du vor lauter Terminen, Staubsaugen, Wäsche waschen, Kinder bespaßen und Familienhobbys deine Aufgaben auf der Arbeit nicht zu deiner Zufriedenheit erledigst?

Ihr nehmt euch ja auch immer ganz schön viel vor.

Du bist verzweifelt, weil dein Zweijähriger vor lauter Wutanfällen den Teller mit Tomatensoße an die weiße Tapete gepfeffert hat und du es nicht schaffst, ruhig zu bleiben, wie du es als bedürfnisorientierte Mutter gerne wärst?

Manchmal musst du eben mal konsequent sein.

Das allgemeine Gefühl, das dir als Frau und gerade als Mutter häufig vermittelt wird, lautet:

Egal, was du tust: Du machst es falsch.

Und das zerrt an den Nerven, am Selbstbewusstsein, an der Liebe zu sich und verändert die eigene Wahrnehmung. Gleichzeitig redet man sich ein, dass andere es ja auch schaffen. Es muss also an dir liegen, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Und schon versuchst du wieder, alle Bälle, mit denen du jonglierst, in die Luft zu werfen.

Weitermachen, keine Schwäche zeigen. Nach außen hin zeigen, dass man alles im Griff hat.
Und abends dann völlig erschöpft (und viel zu spät) ins Bett sinken, hoffentlich schnell das Gedankenkarussell abschalten und ein paar Stunden schlafen – falls denn nicht gerade ein Baby im Haus ist, das gleich wieder gestillt werden will.

Dabei hat doch niemand verlangt, dass du alles alleine hinkriegst, oder? Wo bleibt eigentlich die Gelassenheit bei der ganzen Sache?

Ich kenne kaum Männer, die sich selbst unter so einen Druck stellen. Wenn bei meinem Mann mal Dinge aus dem Ruder laufen, weil er sich zu viel vorgenommen hat, dann wird das allenfalls mit einem Achselzucken quittiert, à la „Ich kann ja nicht alles machen.“ Diese Selbstverständlichkeit, dass nicht alles laufen muss, fehlt uns Frauen oft.

Was führt zu diesem perfektionistischen Anspruch an sich selbst?

Gib mir Anerkennung, ich tu auch alles, was du willst!

Einige Psychiater und Psychotherapeuten sehen in diesem Perfektionismus das Streben nach Anerkennung.

Jeder Mensch hat die Tendenz, dass er (oder seine Leistung) von anderen anerkannt werden soll. Das liegt genetisch einfach in uns drin.

Während die Männer sich noch immer hauptsächlich über ihre Leistungen und Taten Bestätigung suchen, beziehen Frauen es meiner Erfahrung nach sehr viel schneller auf sich persönlich, wenn sie gelobt oder getadelt werden.

•••> Ein Mann wird befördert, seine Freunde gratulieren ihm. Er denkt: „Ich bin ein toller Hecht, ich habe die Beförderung verdient.“

•••> Eine Frau wird befördert, ihre Freundinnen gratulieren ihr. Sie denkt: „Eigentlich habe ich das gar nicht richtig verdient. So gut bin ich nicht, ich könnte viel mehr leisten, wenn ich nicht noch die Kinder und den Haushalt hätte. Hoffentlich kann ich den neuen Aufgaben gerecht werden. Ich sollte mich mehr anstrengen.“

Das ist pauschalisiert, aber beruht durchaus auf vielen persönlichen Gesprächen, die ich geführt habe. Frauen fühlen sich selten in dem angenommen, wie sie sind. Sie versuchen immer wieder, anderen zu gefallen und stellen dafür auch eigene Bedürfnisse zurück.

Was können wir Frauen tun, um aus dieser Spirale zu entfliehen?

7 Tipps für mehr Gelassenheit und Zufriedenheit

  1. Arbeite an deinem Selbstwertgefühl. Je überzeugter du davon bist, dass du ein liebenswerter Mensch bist, unabhängig von deinen Leistungen, desto schneller findest du aus emotionalen Löchern heraus (und das sogar oft ohne die Hilfe von anderen).
  2. Lerne, Nein zu sagen. Überforderung kann auch damit zusammenhängen, dass du keine Prioritäten setzt. Lehne Überstunden ab oder sage Nein zum Wäscheberg. Die Welt geht nicht unter, wenn du nicht immer und für jeden erreichbar ist. Übe, für dich einzustehen.
  3. Vereinfache und delegiere. Nutze das „Eisenhower“-Prinzip, indem du zunächst die auffallenden Aufgaben nach Wichtigkeit und Dringlichkeit sortierst und dann entscheidest, ob du sie delegieren kannst.
    Beispiel: Der Wäscheberg ist dringlich, aber nicht extrem wichtig. Vielleicht kann dein Mann beim Bügeln oder Zusammenlegen helfen. Da du kein Brot mehr hast, ist „Einkaufen“ gerade dringlich UND wichtig, also machst du das vor dem Wäscheberg, wenn du es nicht an jemanden abgeben kannst.
    Übrigens: Je weniger Klamotten du besitzt, die du bügeln musst, desto kleiner wird der Bügelberg.
  4. 80 % reichen. Du musst nicht jede Aufgabe bis zur Perfektion erfüllen. Die „80/20-Regel“ besagt: Du kannst eine Aufgabe zu 80 % erfüllen, wenn du nur 20 % deiner Zeit aufwendest. Für die letzten 20 % (bis die Aufgabe perfekt abgearbeitet ist), musst du aber 80 % deiner Zeit aufwenden.
    In seltenen Fällen ist Perfektion wichtig, aber meistens nicht! Gewöhne dir eine „Das reicht so“-Einstellung an.
  5. Höre auf dein Bauchgefühl. Als ich neulich völlig überfordert von meinem Leben und seinen Aufgaben war, habe ich (nachdem ich etwas gejammert hatte) etwas getan, das alles noch schlimmer hätte machen können: GAR NICHTS. Ich habe mich gemütlich in die Badewanne gelegt und gelesen. Das hilft mir, neue Energien zu sammeln, um im Anschluss mit Logik und einem Plan meine Prioritäten zu setzen (und nicht aus einem emotionalen Impuls heraus panisch zu werden).
  6. Schreibe. Oder suche dir ein anderes Ventil, um Druck abzulassen (siehe 5.). Dieser Artikel ist entstanden, weil ich im Zustand der Überforderung einen Eintrag in mein Tagebuch gemacht habe, wobei mir klar geworden ist, dass die meisten Dinge, über die ich mir Sorgen gemacht habe, gar nicht so schlimm sind. Meine Neugierde wurde geweckt, warum wir Frauen eigentlich immer so hohe Ansprüche an uns stellen.
  7. Sprich mit deiner Familie und deinen Freunden. Ich habe diesen Punkt ja schon eingangs erwähnt: Er ist mir selbst in meiner akuten Situation gar nicht eingefallen, aber dadurch, dass ich meinen Frust und meine Überforderung öffentlich gemacht habe, wurde mir dieser Tipp gegeben und ich bin dankbar dafür.
    Ich bespreche regelmäßig mit meinem Mann, wie wir dieses und jenes besser organisiert bekommen oder wo ich ganz aktiv seine Unterstützung brauche. Liebe Frauen, dabei müsst ihr euren Männern wirklich ganz klar sagen, was ihr wollt 😉 Ein bloßes „Es wäre schön, wenn du mich mal mit den Kindern unterstützen könntest“ reicht da nicht. Sei präzise: „Kannst du am Donnerstag für zwei Stunden auf die Kinder aufpassen, damit ich arbeiten kann?“
    Auch deine Familie kann helfend einspringen, und wenn es nur so ist, dass sie einen Teil deiner Einkäufe mit übernehmen, auf die Kinder aufpassen, dir beim Putzen helfen oder einfach auf eine Tasse Tee vorbeikommen (oder du bei ihnen) und dir zuhören, ohne Ratschläge zu geben (außer du bittest sie darum).

Ein soziales Umfeld, insbesondere mit Frauen, die ähnliche Erfahrungen machen, ist meiner Meinung nach sehr wichtig, um nicht den Kopf zu verlieren.

Lass uns also gerne diesen Beitrag nutzen, um uns gegenseitig zu unterstützen. Schreibe in einem Kommentar, was du bei akuter Überforderung tust – vielleicht kann dein Tipp einer anderen Frau helfen, bei der gerade alles zusammenbricht. Wenn du möchtest, teile den Artikel gerne.

Und noch etwas: Du bist wertvoll.

2 comments

  1. Der Anspruch dieser Gesellschaft, sich dem »Haben«-Prinzip statt dem »Sein«-Prinzip zu unterwerfen, gilt für Frauen UND für Männer. Darin liegt für mich die grundlegende Problematik.
    Vielleicht passend als Lektüre-Tipp für die grundlegende Weichenstellung: Erich Fromms Klassiker »Haben oder Sein«.
    https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/haben-oder-sein/20355

    1. Annika Bühnemann says:

      Da magst du recht haben, Ruprecht! Subjektiv scheinen mir die meisten Männer aber besser mit dem Problem umzugehen als Frauen. Siehst du da auch Unterschiede?

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